Aktuell

31.05.2017

LIEBEN & LOSLASSEN

Über die 32. Sylter Entspannungstherapiewoche der DG-E (29.04.-6.05.17)...

Wie jemandem die zweiunddreißigste Sylter Entspannungstherapiewoche beschreiben, der oder die nicht dabei war? Sie war echt schön. Nee, wirklich! Ganz, ganz schön. Und wiedermal sehr besonders. Außen rum wunderbare Natur, wenn gleich noch norddeutsch temperiert. Erfahrene Sylt-Reisende hatten Wärmflaschen und allerlei Outdoor-Schick dabei. Etliche Spontan-Unterhaltungen auf Parkbänken, wenn der Wind nicht gerade zu kräftig wehte. Sturm ist nach friesischer Auffassung ja erst, wenn die Schafe Locken bekommen. Von daher gab ‘s dieses Jahr Wind. Mal auch kräftigere Brisen. Mehr aber nicht. Gleichzeitig schien oft die Sonne, was besonders zum gemeinsamen Sitzen in den 100 m entfernten Strandkörben mit Blick auf die Nordsee großartig war. Nicht nur dort viel fachlicher Austausch und noch mehr persönlicher. Denn über die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen sind seit Jahren „Wiederholungstäter“. Nur als Illustration: Kommt am letzten Tag die Tochter einer Kollegin zu Besuch, die schon seit ihrer Kindheit oft dabei war. „Plötzlich“ ist sie, wer hätte es gedacht, eine junge Frau und feiert just an dem Tag ihren 17. Geburtstag.

Diese Szenen, genauso wie alles Fachliche finden übrigens in einer Art temporärem Dünen-Dorf statt, in dem für sieben Tage und Nächte etwa 170 Kollegen und Kolleginnen zusammentreffen, zum Teil in halb in den Sand gebauten Parzellenhäuschen wohnend. Gemeinsames Essen in der Dünen-Mensa, gemeinsames Schlange-Stehen am Kaffee-Kiosk und manchmal 50 m bis zur Dusche laufen inklusive. Dabei wird viel und laut gelacht. Es gab aber auch melancholische Momente, z.B. weil Einzelne ankündigten, dass sie in zwei Jahren wohl nicht mehr kommen wollen, da sie in Ruhestand gehen und anderen Platz machen möchten. Klingt konsequent oder nobel, je nach Standpunkt, ist aber sehr schade. Überlegt es euch vielleicht nochmal! Das Motto der Woche „Lieben und Loslassen“ muss ja nicht auf alle(s) bezogen werden.

Trotz oder vielleicht auch gerade wegen des familiären Touchs ist die ETW zugleich eine hochkarätige Tagung ohne übermäßigen Schnickschnack (auch wenn manchmal etwas mehr Handy-Empfang echt nett wäre). Aber mit amtlicher „(Herzens-)Power“. Elf anregende Vorträge ausgewiesener Expertinnen und Experten. 26 Workshops von erfahrenen Seminarleiterinnen und -leitern zu Themen aus dem „Großraum der Entspannungsverfahren“. Geplantes und spontanes Kulturprogramm sowie Platz für Eigeninitiative, ob als Ad Hoc-Gruppe oder – weil vor Ort jetzt abends ein grotesk beleuchteter Flaschenautomat den Barkeeper mimt - als kleines, selbstorganisiertes Getränkekollektiv, dass die Überschüsse an Ärzte ohne Grenzen spendete.

Kleine, humorvolle Momente am Rande, die gar nicht unbedingt jede/r mitbekommen haben wird: Eine Band, die die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in den 1. Mai rock’n‘rollte, soulte und hillybillyte. Ist zwar Einigen spontan „doch etwas zu laut“ (irgendwas is‘ ja immer). Andere tanzen die Off-Beats aber so lange, bis die Kapelle Gewerkschaftspause macht. Am Tag der Arbeit selber dann ein Referent, der mit dem Satz eröffnet: „Guten Morgen! Ick glob, ick hab‘ gerad‘n Déjà-vu und ihr?“ Das gab dem bereits zuvor etwas irritierten Publikum den entscheidenden Hinweis. Den Referenten haben wir schon mal irgendwo gesehen! Nämlich am Vorabend als Sänger auf der Bühne zusammen mit seinen Musikerkollegen und seinen beiden Töchtern, die ebenfalls der Band angehören.

Ein weiteres Novum auf der ETW, ebenfalls nicht ohne (britischen) Humor: Zwei Vorträge in bestem Englisch von einer Kollegin, die seinerzeit die Britisch Autogenic Society mit gegründet hat und die sehr anschaulich machte, wie dort Autogenes Training praktiziert wird. Bei der Demonstration von weiterführenden „offloading exercises about anger“ hatte sie ihr Headset glatt vergessen und knöpfte sich zu Demonstrationszwecken gerade einen vermutlich realen Nachbarn fiktiv vor. „Oh really, Mister … you said to me…, don‘t you? ... Oops…“. Sie war sehr authentisch und drückte mit jeder Faser aus, was sie gerade referierte. Das Publikum war verzaubert und begeistert. Über den Hinweis, dass die Kollegin Krankenschwester ist und aufgrund dieses Grundberufes in der DG-E gegenwärtig leider nur außerordentliches Mitglied werden könnte, staunten zwar einige aber nicht alle verstanden diesen dezenten „Zaunpfahl“ bzw. wollten in verstehen.

Gewiss, alle Referate, Workshops und sonstigen „Programmpunkte“ waren Highlights. Ein sehr besonderes war aber sicherlich der letzte Plenarvortag am Freitag. „Ganz entspannt im dritten Reich“. Schwere Kost mit (scheinbarer) Leichtigkeit gekonnt vorgetragen. Der Referent hat mindestens eine halbe Wiener Bibliothek durchgelesen. Seine grobe Skizze der „Entspannungskultur“ der Nazi-Zeit ließ sich ziemlich direkt auf heutige Diktaturen oder Autokratien übertragen: Nicht nur solche Systeme erzeugen Stress und brauchen eine spezifische „Entspannungskultur“, damit die Wirtschaft und das Zusammenleben weiter funktionieren. Dazu wurden und werden auch klinische Entspannungsverfahren funktionalisiert („Take care!“). Genauso wirkte auch die Kriegsvergangenheit Einzelner - wie etwa Graf Dürkheim, dessen Bücher für viele in den 70er und 80er Jahren Standard waren – verstörend. Danach hätte eigentlich einmal ordentlich durchgelüftet werden müssen.

Trotzdem gelang irgendwie der Übergang zu einem gemeinsamen Abschluss für die Tagung. Ein ausführlicher Dank mit kleinen Geschenken an die Angestellten der Akademie am Meer, die uns gut bewirtet und sich freundlich um uns gekümmert haben. Ein tosender Applaus für die langjährige ETW-Organisatorin Dr. Claudia China, die dieses Amt genauso wie die Geschäftsstellenleitung an Eva Merotto weitereicht. Auch das „segnete“ das Auditorium. Viele schwärmerische Rückmeldungen aus den ganzen Workshops, eine davon eine kleine Tanzeinlage. Ganz am Ende des gemeinsamen Programms ein vierstimmiger, immer leiser werdender Kanon. Bis alle nur noch still summend zum Essen gingen. „Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König“. Hat sich mittlerweile schon etwas eingebürgert, trotzdem schwang auch hier die Wehmut mit. Denn am nächsten Morgen verstreut sich die kleine Gemeinde wieder in alle Himmelsrichtungen. Viele Umarmungen. Viele gute Wünsche für zuhause. „Lieben und Loslassen!“ Joo. Soelvst. Bet in twee Johrn dennso. Mok goot!

Klingt geschönt oder übertrieben? War aber genauso. Glauben S‘e nich‘? Unten sehen Sie die Zusammenfassungen der Workshops und Vorträge (DG-E-Mitglieder finden die Handouts einiger Vorträge im Mitgliederbereich, gleichfalls eine kurze Zusammenfassung der Mitgliederversammlung), damit S‘e auch wissen, wer und welche zum DG-E-Team gehören, hier eine kurze Übersicht.). Und wenn S’e‘s dann immer noch nicht glauben sollten - hier unsere fotografischen Sylt-Impressionen. Bitteschön!