Progressive Relaxation (PR) für Kinder und Jugendliche

Was ist PR für Kinder und Jugendliche?

Die PR, ein an der Muskulatur ansetzendes Entspannungsverfahren, wurde in den zwanziger Jahren von Dr. Edmund Jacobson in den USA entwickelt. Unter der Vielzahl der heute angewendeten Entspannungsverfahren ist diese Methode zusammen mit dem Autogenen Training am weitesten verbreitet und am besten erforscht. PR kann die Fähigkeit verbessern, Alltagsbelastungen in günstiger Weise zu bewältigen, kann die Gesundheit stärken und die Lebensqualität erhöhen. Das regelmäßige Praktizieren des Trainings ist im Sinne eines gesundheitlichen Schutzfaktors ein wichtiger eigener Beitrag, um die seelische und körperliche Gesundheit zu schützen und zu stärken. Die PR sagt vielen TeilnehmerInnen wegen des pragmatischen und „handfesten“ Charakters zumindest als Einstieg in das Entspannungstraining besonders zu. Während etwa beim Autogenen Training in aller Regel etwas Geduld bis zu den ersten spürbaren Wirkungen aufgebracht werden muss, werden bei der PR meist bereits nach den ersten Übungen Entspannungsempfindungen wahrgenommen. Die für Erwachsene konzipierte Methodik der PR kann allerdings nicht ohne weiteres auf Kinder übertragen werden. Vielmehr muss das Training kindgerecht gestaltet werden. Für Kinder unter 12 Jahren eignen sich erfahrungsgemäß nur Kurzformen der PR. Deren Konzentrationsfähigkeit reicht in aller Regel noch nicht aus, um mit der Langform des Trainings zu üben. Als Einstieg in das Entspannungstraining haben sich besonders Übungsprogramme bewährt, die in eine Rahmenhandlung eingebunden sind. Diese Entspannungsgeschichten nutzen die Vorstellungskraft der Kinder und erhöhen ihre Motivation zum Üben. Das Vorlesen von Geschichten ist Kindern vertraut und sie entspannen sich meist deutlich dabei. In der Geschichte „Abenteuer in der Südsee“ werden die Kinder z.B. schrittweise zum Entspannungstraining (Kurzübung in 7 Schritten) geführt und zum Mitmachen eingeladen (siehe Literatur: Ohm 2000).

Anwendungsgebiete & Wirkungsweise

PR kann zur Vorbeugung von Entwicklungs- und Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen beitragen. Bei bereits bestehenden Störungen wie z.B. hyperkinetisches Syndrom, aggressives Verhalten oder Angststörungen ist meist ein umfassenderes Therapiekonzept notwendig. In dessen Rahmen wird die PR oft mit Erfolg als ein „Baustein“ eingesetzt. Nicht selten stellt die Verbesserung der Entspannungsfähigkeit eine Voraussetzung dafür dar, dass mit Kindern und Jugendlichen überhaupt therapeutisch gearbeitet werden kann. Die schulische Leistungsfähigkeit kann durch regelmäßiges Entspannungstraining verbessert werden. Hierbei spielen eine Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit und des Gedächtnisses sowie der Abbau von „Lernblockaden“ ein Rolle. Psychovegetative Beschwerden wie z.B. Spannungskopfschmerzen oder „nervöse“ Magen-, Darm- und Herz-Kreislaufbeschwerden können gebessert oder ihrer Entstehung kann vorgebeugt werden. Die Verbesserung der Entspannungsfähigkeit durch PR kann ebenso Einschlaf- und Durchschlafprobleme abbauen. PR verbessert darüber hinaus die Regenerationsfähigkeit und stärkt das Immunsystem. Auf diese Weise kann die Abwehrkraft gegen Erkrankungen erhöht, und Heilungsprozesse können gefördert werden. Der gesundheitliche Wert von sportlichen Aktivitäten wird durch Entspannungstraining deutlich erhöht, denn die sportliche Leistungsfähigkeit kann dadurch gefördert und Verletzungsrisiken können reduziert werden. Allerdings wäre es falsch anzunehmen, dass all die aufgezählten Verbesserungen sofort oder nach relativ kurzer Zeit erzielbar sind. In aller Regel bedarf es zunächst einmal einer gewissen Zeit, um mit dem Entspannungstraining vertraut zu werden. Im Vergleich mit anderen Entspannungsmethoden ist die hierfür notwendige Zeit bei der PR allerdings relativ gering. Es ist individuell sehr unterschiedlich, wie schnell Kinder oder Jugendliche mit der PR vertraut werden, aber es kann einige Wochen dauern. Bereits längerfristig bestehende Störungen werden in aller Regel nicht plötzlich verschwinden, vielmehr ist eine langsame Besserung wahrscheinlich. Entscheidend ist daher nicht die einzelne Übung, sondern das langfristige, tägliche Üben.

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Wie läuft ein typischer Kurs/ Unterricht ab?

Durch PR soll den Kindern und Jugendlichen eine möglichst tiefgehende Entspannung ermöglicht werden. Um dies zu erreichen, wird zunächst die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Muskelgruppe (z.B. Unterarm und Hand) gelenkt. Dann wird diese Muskelgruppe für etwa 10 Sekunden angespannt (z.B. Faust ballen), wobei die entstehenden Empfindungen möglichst genau wahrgenommen werden. Die Anspannung soll aber nicht übertrieben werden, sondern gut tun. Daraufhin erfolgt eine Entspannungsphase von etwa 30 Sekunden Dauer, während derer wiederum die Aufmerksamkeit auf die entstehenden Körperempfindungen gerichtet wird. Der Übungsablauf ist so aufgebaut, dass die verschiedenen Muskelgruppen nacheinander in das Training einbezogen werden. Durch die Entspannung der Willkürmuskulatur wird eine gleichsinnige Wirkung auf die Gehirnaktivität und andere körperliche Funktionsbereiche ausgeübt, sodass ein körperlich-psychischer Entspannungszustand erreichbar ist. Eine derartige generelle Entspannung stellt quasi einen Gegenpol zu übermäßiger Anspannung dar, woraus sich der gesundheitliche Nutzen bei spannungsbedingten Beschwerden und Erkrankungen erklärt. Bei Kindern unter 12 Jahren kann das Entspannungstraining – wie oben bereits erwähnt – in eine kindgerechte Rahmenhandung wie etwa eine Abenteuergeschichte eingewoben werden, um eine ausreichende Übungsmotivation zu erreichen.

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Für welche Kinder und Jugendliche ist PR geeignet, für welche nicht?

Für die PR gibt es nur wenige Ausschlussgründe. Dabei geht es zum einen um schwere psychiatrische Erkrankungen (Psychosen), zum anderen um seltene, schwere Erkrankungen der Muskulatur oder der Nerven, bei denen eine Anspannung der Muskulatur schädlich ist.

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Häufige Fragen zur PR für Kinder und Jugendliche und ihre Antworten:

Wer sollte PR für Kinder und Jugendliche unterrichten? PR kann am besten in von entsprechend qualifizierten Diplom-PsychologInnen, Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen oder speziell fortgebildeten ÄrztInnen geleiteten Kursen erlernt werden .

Wie finde ich PR-Kurse für Kinder und Jugendliche? PR-Kurse werden u. a. von Krankenkassen und Volkshochschulen angeboten. Aber auch in psychologischen oder ärztlichen Praxen und während eines Aufenthaltes in einer Kur- oder Rehabilitationsklinik kann die Methode erlernt werden.

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Zur Geschichte der PR:

Edmund Jacobson beschäftigte sich als Arzt und Psychologe zu Beginn des 20. Jahrhunderts intensiv mit der Funktionsweise der Muskulatur. Er hatte bereits elektronische Instrumente zur Verfügung, die die bei Muskelspannungen auftretenden Ströme messen konnten. Dabei fiel ihm auf, dass innere Unruhe, Stress und Angst mit Anspannungen der Muskulatur einhergehen [verlinken mit PR Erw./Geschichte]. Diese Erkenntnis war der Ausgangspunkt für die Entwicklung der Progressiven Relaxation. Eine Anpassung der für Erwachsene konzipierten PR an die Bedürfnisse und Besonderheiten von Kindern und Jugendlichen stammt von D. Ohm.

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Literatur für AnwenderInnen:

  • Ohm, D. (1999): Progressive Relaxation für Kids. Stuttgart: TRIAS RELAX CD.
  • Ohm, D. (2000): Progressive Relaxation für Kids. Die praktische Anleitung: So üben Sie die Tiefmuskelentspannung mit Ihrem Kind. Stuttgart: Trias
  • Ohm, D. (2011): Stressfrei durch Progressive Relaxation. Mehr Gelassenheit durch Tiefmuskelentspannung nach Jacobson. Buch und Übungs-CD. Stuttgart: Trias
  • Ohm, D. (2003): Endlich frei von Angst und Panik – mit Progressiver Relaxation. Wie Sie belastende Situationen und Gedanken hinter sich lassen. (Sachbuch mit Übungs-CD) Stuttgart: Trias
  • Ohm, Dietmar (2017): Entspannung für Kinder. Ausgeglichen und konzentriert mit Yoga, PR, AT & Traumreisen. Stuttgart: Trias

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Literatur für VermittlerInnen, TrainerInnen und DozentInnen/AusbilderInnen:

  • Bernstein, D. A.; Borkovec, T. D. (2000): Entspannungstraining. Stuttgart: Klett-Cotta
  • Derra, C. (2007): Progressive Relaxation. Köln: Deutscher Ärzte-Verlag
  • Ohm, D. (2000): Progressive Relaxation für Kids. Die praktische Anleitung: So üben Sie die Tiefmuskelentspannung mit Ihrem Kind. Stuttgart: TRIAS Verlag
  • Ohm, D.: Progressive Relaxation bei Kindern und Jugendlichen. In: Entspannungsverfahren Nr. 18, Lengerich: Pabst Sc. Publ., 9-18
  • Ohm, D. (2004): Bisherige Ergebnisse der Konsensuskonferenzen zur Progressiven Relaxation. In: Entspannungsverfahren Nr. 21, Lengerich: Pabst Sc. Publ., 83-89

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Literatur zur wiss. nachgewiesenen Wirksamkeit:

  • Doubrawa, R. (2006): Progressive Relaxation – Neuere Forschungsergebnisse zur klinischen Wirksamkeit. In: Entspannungsverfahren Nr. 23, , Lengerich: Pabst Sc. Publ., 6-18
  • Hamm, A. (2000): Progressive Muskelentspannung. In: Vaitl, D. & Petermann, F. (Hrsg.): Handbuch der Entspannung. Band 1: Grundlagen und Methoden. Weinheim: Psychologie Verlags Union, 305-336
  • Ohm, D. (1994): Entspannungstraining – Forschungsergebnisse und praktische Erfahrungen zu Autogenem Training, Progressiver Relaxation und Anwendungskombinationen. In: Zielke, M.; Sturm, J. (Hrsg.): Handbuch der stationären Verhaltenstherapie. Weinheim: Psychologie Verlags Union, 378–394

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